12/08/2010

Wormser Terra Sigillata

Der Begriff Terra Sigillata bezeichnet eigentlich rotglasierte, gestempelte Tonware der römischen Kaiserzeit, die ihren Ursprung in Arezzo hat. Mit der Ausdehnung des römischen Imperiums wurde sie aber nach und nach in ganz Italien und auch in den Provinzen produziert. Man findet sie überall, wo die Römer ihre Spuren hinterlassen haben.
Anhand der Stempel ließ sich z. B. nachweisen, daß ein Gaius Sentius neben seinem Stammhaus in Arezzo auch Filialen in Lyon und Ephesus unterhielt.

Wormser Terra-Sigillata-GmbH

Der Betriebsleiter der Keramischen Werke Offstein und Worms AG Jean Kling (1878-1946) war so von der römischen Terra Sigillata fasziniert, das er in jahrelangen Experimenten versuchte, eine ähnliche Keramik herzustellen. Im September 1937 schließlich meldete er ein "Verfahren zur Herstellung von Tonwaren mit sammetartigem Glanz vom Aussehen der Terra Sigillata" zum Patent an. Um die Produktion in Gang zu bringen übertrug er 1941 die Rechte zur gewerblichen Nutzung an die Stadt Worms, die sich im Gegenzug dazu verpflichtete eine entsprechende Manufaktur zu errichten. Vorerst wurde dies aber durch den Krieg verhindert. Zu Klings Lebzeiten kam man daher nicht über ein Versuchsstadium hinaus.
1946 konnte dann der Keramiker Willi Jizba aus Teplitz-Schönau als Betriebsleiter mit dem Aufbau einer Manufaktur betraut werden. Zwei Jahre später kamen mit Ernst Baumrücker und Adolf Hausmann zwei Spezialisten für Formgestaltung und Kerbschnitt hinzu. 1949 nahm die "Terra-Sigillata-Manufaktur der Stadt Worms" die Produktion auf. Bereits ein Jahr später übernahm Willi Jizba die Manufaktur in Privathand und nannte sie in "Wormser Terra-Sigillata-Manufaktur" um. Das Herstellungsprogramm umfaßte zuerst zierkeramische Objekte und Keramiken, die sich an römischen Vorbildern (s. Abb. Form 234-2) orientierten. Später kam Gebrauchskeramik hinzu und das Angebot an Zierkeramik wurde um Wandteller, Wandmasken und figürliche Objekte erweitert. 
Ein Großteil der Entwürfe für Wandmasken und figürliche Objekte stammt von Kurt Langner. Langner verfügte über eine Ausbildung an der Kunsthandwerkerschule und der Technischen Lehranstalt für Keramik in Eisenach, sowie ein Studium der Bildhauerei an der Kunsthochschule Weimar.
Zusätzlich gelang es Willi Jizba seinen ehemaligen Lehrer Prof. Hans Lifka als freien Mitarbeiter zu gewinnen. Hans Lifka war ein Schüler von Michael Polwony und hatte von 1930 bis zur Vertreibung 1945 eine Professur an der Deutschen Staatslehranstalt für Keramik und verwandte Kunstgewerbe in Teplitz-Schönau.

1980 wurde das Unternehmen unter dem Nachfolger von Willi Jizba, Volker Jizba, umstrukturiert. Es erhielt jetzt den Namen "Wormser Keramik GmbH". 1989 wurde der Firmensitz nach Oppenheim verlagert und die Produktion eigener Keramik nahezu eingestellt. Seit dem bezieht man Tee- und Gebrauchsgeschirre als Rohware und beschränkt sich auf die Dekoration.
Die Produktion von Terra Sigillata hatte man aufgrund mangelnder Nachfrage schon längst eingestellt.


Form 309-3


Form 234-2



Marke
(hierbei handelt es sich um einen Stempel, dessen Farbe nicht permanent ist!)



Sofern jemand weitergehende Angaben machen kann (Dekornamen, Entwerfer, Produktionzeitraum ect.) bin ich für jede Mitteilung dankbar.

1 Kommentar:

  1. Der Modelleur Adolf Hausmann wurde am 12. November 1920 in Boreslau (Kreis Teplitz-Schönau) geboren. Er besuchte die Staatsschule für Keramik und verwandte Gewerbe in Teplitz-Schönau und absolvierte dort eine Ausbildung zum Modelleur. Seinen Kriegsdienst leistete Hausmann vom 1. September 1940 bis zum 8. Mai 1945. Am 1. April 1945 ehelichte er in Schallau (Kreis Teplitz) die vier Jahre jüngere Ilse Mladek. Infolge der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei musste das Paar kurz darauf seine Heimat verlassen und Hausmann trat am 1. Oktober 1945 eine Stellung als Modelleur in der Graf von Henneberg - Porzellanfabrik in Ilmenau an. Das erste Kind, Wolf Peter, wurde am 24. Januar 1946 in Ilmenau geboren. Schon am 28. März 1946 ließ sich Hausmann ein Arbeitszeugnis ausstellen, da er beabsichtigte, sich in Westdeutschland zu bewerben. Er beendete daher sein Arbeitsverhältnis, kehrte jedoch am 23. April 1946 wieder in den Betrieb zurück. In Ilmenau wohnhaft war die junge Familie Hausmann in der Lindenstraße 57. Im Juli 1948 kündigte Hausmann schließlich endgültig sein Arbeitsverhältnis in Ilmenau und übersiedelte mit der Familie am 24. Juli nach Worms, um dort am 26. Juli in der neu entstandenen Terra-Sigillata-Manufaktur als Modelleur tätig zu werden. Der Zuzug aus der SBZ musste zuvor durch die Flüchtlingskommission genehmigt werden. Diese Genehmigung war wiederum vom Erhalt einer Aufenthaltsgenehmigung abhängig. Hausmann meldete sich seinerzeit auf ein Stellenangebot, welches Fabrikdirektor Willi Jizba in der Fachzeitschrift ‚Die Schaulade’ ausschrieb, da er in Worms keine geeigneten Fachkräfte fand. Für den schnellen Erhalt der notwendigen Aufenthaltsgenehmigung betonte Direktor Jizba gegenüber dem Wormser Oberbürgermeister, dass Hausmann unentbehrlich für die Inbetriebnahme der Manufaktur sei und bat um Zustimmung für die Einstellung, da hiervon die Aufnahme der Produktion abhinge. Weil Hausmann sich das Fahrgeld leihen musste und ohne jegliche Barmittel in Worms ankam, wurde ihm der Vorschuss von 150 DM gewährt. In Worms entwarf er nun bei einem Monatsgehalt von 300 DM zierkeramische Objekte und Gebrauchskeramik nach römischen Vorbildern. Wohnhaft war die Familie Hausmann in Worms zuerst in der Gottliebenstrasse 20 und später in der Hochheimer Str. 56. Am 27. Juni 1951 wurde Tochter Brigitte Maria geboren. Kurz zuvor, am 31. März 1951, schied Hausmann aus dem städtischen Dienst aus, nachdem die Manufaktur in Privatbesitz überführt wurde. Das Arbeitszeugnis aus jener Zeit spricht ihm ein uneingeschränktes Lob für seine Tätigkeit aus und spricht von ausgezeichneter Arbeit, die entscheidend zum Gedeihen des jungen Unternehmens beitrug. 1952 zog Hausmann mit seiner Familie nach Schwaz in Tirol (Husslstr. 21), wo er fortan in der dortigen Wechsler-Tirolkeramik - Manufaktur wirkte und sich später mit einer eigenen Keramikwerkstatt selbstständig machte. Adolf Hausmann starb im Jahr 1994. Am 13. November 2013 verstarb sein Sohn Wolf Peter und am 15. Mai 2016 Ehefrau Ilse.

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